Shoot all the bluejays if you want
Lieber Herr Nachbar,
bitte entschuldigen Sie die förmliche Ansprache – ich kenne Ihren Namen nicht. Auf dem Klingelschild steht „Herren“, aber ich denke nicht, dass sich das auf Sie und den anderen Herren bezieht, der ebenfalls bei Ihnen im Haus wohnt, also wie in: zwei „Herren“ wohnen hier. Ich glaube auch nicht, dass es Ihrer beider Nachname ist, denn sie scheinen mir weder verwandt noch verheiratet zu sein. Vielmehr glaube ich, dass der andere Herr auf diesen – Verzeihung – ausgedacht klingenden Namen hört, und dass Sie es vorziehen, anonym im Hintergrund zu wirken. Falls ich mich irre, so hoffe ich, dass Sie meinem Anliegen dennoch gewogen sind. Korrigieren brauchen Sie mich eigentlich nicht, denn ich vermute, dass wir nach der Klärung dieser etwas unangenehmen Angelegenheit wieder so wenig miteinander zu tun haben werden, wie bisher. Sie kennen mich mit großer Sicherheit deshalb auch nicht, eben weil wir bisher kaum miteinander zu tun hatten. Mein Name ist Maria, ich wohne im Haus auf der anderen Straßenseite (die Nummer 45) und ich bin elf Jahre alt. Meine Drohne ist leider durch ihr kaputtes Dachfenster geflogen und kommt merkwürdigerweise nicht wieder raus. Sie reagiert nicht mehr auf meine Steuerung. Das ist wirklich ziemlich merkwürdig. Natürlich kann es sein, dass zufällig genau in dem Augenblick, in dem die Drohne durch ihr kaputtes Dachfenster geflogen ist, die Batterien „den Geist aufgegeben haben“, wie wir Drohnenpilot:innen sagen. Allerdings wäre das schon ein großer Zufall. Ich vermute daher, dass irgendetwas anderes der Grund für die Störung ist. Zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, dass sie ihr Haus ganz oder teilweise gegen elektromagnetische Strahlung isoliert haben. Meine Handy spielt auch um so mehr verrückt, je näher ich ihrem Haus komme. Überflüssig zu sagen, dass auch die Kamera der Drohne nur noch Schnee sendet. Und ich gebe zu, dass man nachts schon sehr lange wach bleiben muss, vielleicht, weil man keiner Erwerbsarbeit nachgehen muss und sich als Kind unauffällig in der Nachbarschaft umsehen kann, und dabei auf Fragen gestoßen ist, aber dann ist nicht zu übersehen, dass sich ein Teil ihres Vorgartens hochklappen und in eine Ausfahrt verwandeln lässt, aus dem ein futuristisches Fahrzeug fährt bzw gelegentlich auch fliegt. Am Steuer sitzt, relativ gut sichtbar (zumindest mit einem Nachtsichtgerät, über das ich zum Glück verfüge) der andere Herr, der in ihrem Haus wohnt, der, wie ich vermute, auf den Namen „Herren“ hört, was aber, wenn ich es recht bedenke, ein Deckname sein kann – immerhin nicht verwunderlich bei jemandem, der hinter dem Steuer eines absolut geräuschlos fliegenden Fahrzeugs eine Raubvogelmaske trägt. Insofern halte ich den Gedanken, sie könnten ihr Haus vollständig isoliert haben, um, sagen wir mal, Drohenüberwachung abzuwehren, für plausibel. Anyway, wie es bei uns Drohnenpilot:innen heißt. Eigentlich hätte ich nur gerne meine Drohne wieder. Bitte glauben Sie nicht, dass ich Sie in irgendeiner Weise unter Druck setzen oder erpressen möchte. Was Sie privat treiben, ist Ihre Sache. Wir leben in einem freien Land, in dem jede Person Superheld spielen und sich ein entsprechendes Haus einrichten darf. Auch wenn ein echtes fliegendes Superheldenfahrzeug die Sache ein bisschen zu weit treibt, wenn Sie mich fragen. Es sei denn natürlich, „Herr Herren“ wäre ein echter Superheld, der nachts das Verbrechen bekämpft. Und Sie wären, wie es in diesem Genre heißt, sein Butler oder Faktotum. In diesem Fall hätte ich einen Auftrag für diesen maskierten Rächer und wüsste es zu schätzen, wenn Sie in meinem Namen um Kontaktaufnahme bitten würden. Falls ich mich irre, geben Sie mir bitte einfach die Drohen wieder. Sie können Sie unauffällig in das Astloch der Eiche legen, die sich an der Kreuzung rechts von ihrem Haus befindet. Auch Ihre Antwort, so Sie antworten möchten, lassen Sie bitte dort. Ich halte es für besser, wenn meine Eltern aus dieser Sache herausgehalten werden. Die beiden regen sich leicht auf und können außerdem, wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß, auch nur schwer den Mund halten – anders als ich.
Vielen Dank und herzliche Grüße,
Maria Lübsch
P.S.: Sie wissen übrigens, dass ihr Dachfenster kaputt ist? Ich war es nicht. Das ist schon seit Donnerstag so.
Liebe Maria,
anbei deine Drohne zurück. Danke für den Hinweis mit dem Dachfenster. Ich habe den Schaden umgehend reparieren lassen, wie du sicherlich schon gemerkt hast. Ich entnehme deinem Brief, dass du dich sehr für das Haus meines Arbeitgebers interessierst. Meine liebe Maria, wie du selbst schreibst, leben wir in einem freien Land. Nichts läge mir ferner, als dir zu verbieten, dich meinem Arbeitsplatz zu nähern oder dichaufzufordern, deine Beobachtungen einzustellen. Ich muss dich aber nachdrücklich darum bitten, deine diesbezüglichen Vermutungen für dich zu behalten. Was auch immer du nachts gesehen zu haben glaubst, es handelt sich um reine Einbildung. Du bist ein für dein Alter äußerst scharfsinniges Mädchen, das offenbar etwas zu lange die Nase in Bücher und Comics gesteckt hat. Daher vermutlich auch dein, ich muss es leider sagen, recht geschwollener Schreibstil. Anyway, Maria, so klug du auch bist, in einem Punkt irrst du dich. Ich weiß sehr wohl, wer du bist, und kenne dich besser, als du glaubst. Ganz einfach deshalb, weil es zu meinen Verpflichtungen gehört, für meinen Dienstherren die Nachbarschaft im Auge zu behalten und ungewöhnlichen Vorkommnissen nachzugehen. Du bist wirklich ein ziemlich ungewöhnliches Mädchen, Maria. Zum Beispiel konnte ich beobachten, dass du regelmäßig sehr viel später als alle anderen Kinder in die Schule gehst und dann auch erst abends wiederkommst. Oder sollte ich sagen: gebracht wirst? Denn du wirst ja mit einem Fahrdienst befördert. Es ist unschwer zu übersehen, dass die anderen Kinder in diesem Bus nicht deine Geistesschärfe mitbringen. Manchen Leute würden Sie als zurückgeblieben oder dergleichen bezeichnen. Ich denke, es stellt keine allzu gewagte Schlussfolgerung dar, dass du keine gewöhnliche Schule besuchst, und dass diese besondere Schule nicht gerade ein geheimes Ausbildungsinstitut für Superhelden ist. Was auch immer du wem auch immer erzählst, niemand würde jemandem wie dir glauben. Und falls ich für meinen Herren hier versteckt in diesem idyllischen Vorort eine Art hochtechnisierte Superheldenbasis unterhalten würde, hätte ich, wie du dir denken kannst, Vorkehrungen getroffen, um mit einem Knopfdruck alles vor neugierigen Besuchern, zum Beispiel von der Polizei, zu verbergen. Wenn ich mir das alles so durch den Kopf gehen lasse, Maria, glaube ich eigentlich nicht, dass ich irgendetwas unternehmen muss. Ich muss nicht einmal mit deinen Eltern sprechen, ganz zu schweigen von irgendwelchen weiterreichenden Maßnahmen. Denn natürlich gehört es auch zu meinen Aufgaben, meinen Herren vor allzu neugierigen Nachforschungen zu schützen. Selbst wenn Menschen etwas wissen, kann man dafür sorgen, dass sie sich nicht mehr daran erinnern – was aber selten ohne Nebenwirkungen vonstatten geht. Ich habe mir erlaubt, deine Drohne zu säubern. Bitte entschuldige, falls ich dabei irgendetwas beschädigt haben sollte, zum Beispiel den Kameraspeicher. Ich bin nicht mehr der Jüngste und kenne mich mit diesen technischen Neuerungen nicht so gut aus. Wenn du von einem älteren Herren aus der Nachbarschaft einen Rat annehmen möchtest: ernähre dich ballaststoffreich und reinige deine Zahnzwischenräume. Ich wünschte, das hätte mir jemand als junger Mensch mit auf den Weg gegeben.
Herzliche Grüße und alles Gute,
Richard Maurer
Lieber Herr Maurer,
drohen Sie mir nicht. Ich habe es im Leben nicht immer leicht gehabt. Sie haben das mit dem Bus und mit meiner Schule mitbekommen. Sie glauben, Leute wie wir sind irgendwelche armen Schweine, die man nicht ernst nehmen muss. Da liegen Sie falsch. Wenn Sie keinen Kontakt mit mir wollen und mein Anliegen nicht anhören wollen, so be it. Aber drohen Sie mir bloß nicht. Darauf reagiere ich ungehalten. Ich habe viel Zeit, eine gut ausgestattete Schulwerkstatt, in der ich nicht groß bewacht werde, und das Internet. Und ich habe nicht viel zu verlieren. Also kommen Sie mir nicht so. Danke für die Gesundheitshinweise, aber es gibt schon viel zu viele Leute, die bei meiner Ernährung und Hygiene mitmischen wollen. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: machen Sie mal Pause. Sie sehen fertig aus. Und Sie scheinen nie das Haus zu verlassen. Haben Sie auch mal Freizeit? Mit Burn-Out ist nicht zu spaßen. Meine Mutter hatte mal Burn-Out. Sie wollen das nicht haben.
Mit vorzüglicher Hochachtung,
Maria Lübscher
Herr Maurer!
Die Sprengung meiner Drohne und diverser Kameras, die ich rein zu Forschungszwecken und zu meiner eigenen Sicherheit (Sie haben mir zuerst gedroht!) auf Ihrem Grundstück angebracht habe, wäre ich noch bereit gewesen hinzunehmen. Aber dass meine Mutter jetzt krank im Bett liegt (und ich habe das Essen von Lieferservice analysiert, ich weiß, dass Sie dahinter stecken!), das geht zu weit. Alles, was jetzt kommt, haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Sie wissen, wie Sie mich erreichen, wenn Sie die weiße Fahne schwenken möchten.
M.Lübscher
Maria, hör bitte auf. Es reicht. Du weißt sehr gut, dass die Schallwellen auch die Häuser in der Nachbarschaft erfassen. Mein Herr und ich haben gewissen Möglichkeiten uns zu schützen, aber dir wird nicht entgangen sein, dass gleich mehrere ältere Personen aus der Nachbarschaft abtransportiert wurden. Es gibt keinen Grund, Unbeteiligte da mit hineinzuziehen.
Hochachtungsvoll, Maurer
Herr Maurer! Sie waren es, der Unbeteiligte in Person meiner Mutter in irgendetwas hineingezogen hat. Dennoch nehme ich Ihr Friedensangebot in Form des beigelegten Gegenmittels für die Vergiftung meiner Mutter an und lasse fürs erste die Waffen ruhen. Wagen Sie so etwas nie wieder oder ich packe den Inframator wieder aus.
M.L. Liebe Maria,
seit unserem letzten Briefwechsel sind einige Wochen ins Land gegangen. Ich hoffe, dass es deiner Mutter wieder besser geht. Inzwischen hatte ich genug Gelegenheit, über alles nachzudenken. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass unsere Beziehung etwas auf dem falschen Fuß begonnen hat. Ganz ehrlich: der Inframator hat mich beeindruckt. Ich glaube nicht, dass ich in deinem Alter in der Lage gewesen wäre, eine vergleichbare Schallwaffe zu konstruieren, noch dazu eine, dich so unauffällig in Tauben-Roboter einbauen lässt (ja, ich habe inzwischen einige deiner geflügelten Diener gefangen und untersucht, sie allerdings danach wieder freigelassen. Sie sollten unbeschädigt sein). Was ich sagen möchte ist, du hattest Recht mit deiner Beobachtung, dass es mir an Ausgleich fehlt. Ich gestehe sogar, dass ich mich gelegentlich etwas einsam fühle. Mein Herr ist rund um die Uhr beschäftigt, und mein Job erfüllt mich nicht mehr so, wie es früher einmal der Fall war. Ich sitze hier im Haus und frage mich gelegentlich, ob das eigentlich ein echter Beruf ist, oder ob ich mich über alle Kategoriengrenzen hinweg in meine Mutter verwandelt habe. Unser Briefwechsel war eine angenehme Abwechslung. Ich würde mich freuen, wenn wir ihn wieder aufnehmen könnten. Aber ich könnte es auch verstehen, wenn du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben möchtest.
Alles Gute, Richard Maurer
P.S. Bitte entschuldige, dass ich deine Mutter vergiftet habe. Das war nicht richtig.
Lieber Herr Maurer, zunächst einmal möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich Ihre Entschuldigung annehme. Ich möchte mich meinerseits für den scharfen Tonfall entschuldigen, den ich in meinen letzten Briefen angeschlagen habe. Sie haben Ihre Mutter erwähnt; vielleicht verstehen Sie, wie schwer mich der Angriff auf den engsten Familienkreis getroffen hat. Zweitens macht es mich ausgesprochen stolz, dass Sie tatsächlich meine Erfindungen loben. Im Allgemeinen traut man mir nicht viel zu. Ich gelte als ungeschickt und feinmotorisch herausgefordert. Ich wünschte, die Lehrer:innen in der Werkstatt könnten ihren Brief lesen – oder ich dürfte denen auch nur die Taubenroboter zeigen! Ich muss gestehen, dass ich in der Vergangenheit ein oder zwei mal den Versuch unternommen habe, meine Robotik-Experimente oder die harmloseren meiner Waffenentwicklungen zu präsentieren. Sie können sich die Demütigung nicht vorstellen. Diese Leute streichen einem über den Kopf und sagen, man habe „viel Fantasie“. Ich konnte mich nur mit Mühe zurückhalten, eine frühe Version des Inframators an meiner Schulhelferin auszuprobieren. Lediglich die Erinnerung an vergangene qualvolle Sitzungen bei der „Schulpsychologin“ (die Frau hat einen Abschluss in „Counseling“, ich bitte Sie!) hielt mich davon ab, noch einmal mit „Gewalt“ (alle Welt ist heutzutage so empfindlich, finden Sie nicht?) anzuecken. Anyway. Ich schweife ab. Natürlich bin ich gern bereit, weiter mit Ihnen in Kontakt zu sein. Ich muss zugeben, dass ich einige brennende Fragen an Sie habe. Ursprünglich war ich an Sie herangetreten, um mit Ihrem Arbeitgeber Kontakt aufzunehmen. Sie können sich vielleicht denken, worum es ging … eine einfältige, mädchenhafte Hoffnung! Nein, gerade die Auseinandersetzung mit Ihnen hat mir noch einmal deutlich gezeigt, dass ich mich gegen mein vermeintlich schweres Schicksal nicht auflehnen darf. Ich bin, was ich bin. Nun allerdings wüsste ich gern mehr über Sie. Wie kommt man in eine Position wie Ihre? Das ist ja nun nicht gerade eine Ausbildungsberuf. Und ich habe mich auch gefragt, wie ein Mann mit ihren Fähigkeiten mit einer derart untergeordneten Stellung zufrieden sein kann. Ich meine, allein dieses Flugmobil! Ich habe mir die Aufnahmen wieder und wieder angeschaut. Wie verbergen Sie denn die Tragflächen in der Karosserie? Und ist das ein Fusionsreaktor als Antrieb?
Gespannt, die Ihre! Maria Lübscher
Liebe Maria,
ich muss leider, entgegen meines Wunsches, unsere Beziehung auf eine freundschaftlichere Basis zu stellen, diesen Brief mit einer Beschimpfung beginnen. Ich möchte dich bitten, diese Beschimpfung gewissermaßen freundschaftlich, im Geist einer Korrektur zu begreifen, wie sie nur unter Vertrauten möglich und angemessen ist. Hier kommt sie. Liebe Maria, bitte schreibe mir nie wieder eine derartige Scheiße. Damit beziehe ich mich natürlich nicht auf die Gesamtheit deines Briefes, auf dessen unkritische Teile, etwa die technischen Fragen, ich später gerne eingehe. Ich meine die Art und Weise, wie du dich selbst abqualifizierst. Natürlich glaube ich, erraten zu können, was du dir von meinem Dienstherren gewünscht hättest, jedenfalls so ungefähr. Ob du dir gewünscht hättest, die Schule, an der man dich verwahrt, möge dem Erdboden gleich gemacht werden, Mitschüler:innen, die dich quälen, sollten des Nachts von einem Unbekannten mit Raubvogelmaske aus dem Fenster gehängt werden oder doch gleich (Kern der Sache): du möchtest bitte jemand anders sein, nicht feinmotorisch herausgefordert, nicht, wie man sagt, behindert. Das ist zwar dumm, aber verständlich. Bevor du beim Lesen dieser Zeilen „in die Luft gehst“, ja, es ist mir durchaus bewusst, dass man heutzutage landauf, landab der Überzeugung ist, nur noch „Betroffene“ dürften sich zu diesem oder jenem Schicksal äußern. Auch über den Begriff „Schicksal“ können wir gerne einmal streiten, ich finde aber, dass das Kuddelmuddel aus Geburtsmitgabe und gesamtgesellschaftlichem Mist in seiner dornröscheheckenhaften Verzahnung mit „Schicksal“ salopp gut beschrieben ist. Well. Ich bin nicht behindert oder gehandicapt oder wie die Wegduckworte auch immer heißen. Ich wurde aber im Leben oft genug als krank oder unnormal oder pervers oder in vieler Hinsicht behandlungsbedürftig behandelt. Erlaube mir also, mich in dich hineindenken zu wollen. Warum man mich lange Jahre hierhin und dorthin geschleppt hat, tut wenig zur Sache, du weißt selbst am Besten, das denen immer irgendwas einfällt und dass sie nie zufrieden sind, bevor nicht jeder noch mal den eigenen Fachsprachesenf dazugekippt hat, sonst wäre ja der Beruf nicht gerechtfertigt. Mein Problem war, kurz gesagt, dass es für mich völlig klar war, dass die großflächige Einteilung der Menschheit in Männer und Frauen ein einziger Unsinn ist. Mir kam das seit ich denken kann vor, als würde man von mir verlangen, mit allen Menschen, deren zweiter Zeh den ersten überragt, eine soziale Gruppe zu bilden und jeden noch so geringsten Aspekt meines Lebens an dieser körperlichen Tatsache auszurichten. Möglich, natürlich, aber vollkommen widersinnig. Der Rest der Welt und vor allem diejenigen, die über mich bestimmen durften, sah das anders, und so wurde ich herumgereicht, bis mir schwindelig wurde und ich vor lauter Schwindel relativ dumme Sachen angestellt habe. Und ich kann dir nur sagen, nichts an deinem Wunsch, alles möge ganz anders sein, ist einfältig, „mädchenhaft“ oder auch eine bloße „Hoffnung“. Ich hoffe übrigens, dass „mädchenhaft“ im Affekt geschrieben und nicht ernsthaft als Beleidigung gemeint ist. Der Wunsch, alles möge anders sein, ist das einzig vernünftige, was in dieser verfehlten Welt keimen kann. Er hat mich durch den Schwindel getragen und mir geholfen, das Dumme auch wieder sein zu lassen. Als ich mir einmal klar gemacht hatte, dass es im Angesicht der Welt nur vernünftig ist, sie ändern zu wollen, hatte ich einen fixen Punkt gefunden, von dem aus mir nicht mehr schwindelte. Was freilich im Moment noch etwas Blöde ist, sind die Mittel, die du einsetzt oder anstrebst, um diesem Wunsch nahezukommen. Wenn du von einem alten Mann (ich sage heute „Mann“ aus Konvention, es ist nichts Schlimmes an Konventionen, solange sie nur Konventionen sind, dann sind sie sogar ganz lustig …) einen Rat annehmen willst: nimm genug Ballaststoffe zu dir, reinige deine Zahnzwischenräume und eigne dir alles an, was sie dir geben können, um damit alles auseinanderzunehmen, was ihre Welt ausmacht. Denn im Moment gibt es keine andere Welt als ihre, also müssen wir alles davon in Besitz nehmen, was mit Verstehen, Auseinandernehmen und Umbauen zu tun hat. Dann können wir irgendwann auch Löcher bauen, die nach schräg hinten in eine Sache führen, die vorher noch nicht da war. Das heißt nicht, dass du dich verleugnest. Das heißt, dass du dich liebst und feierst und alles dafür tust, dass die Welt so wird, wie du sie brauchst. Eigentlich möchte ich dir raten, dass du das am Besten nicht allein machst, aber ich weiß, wie schwierig es ist, andere zu finden, mit denen es geht. Muss ich schreiben, dass ich froh bin, dich zu kennen? Zur Antriebstechnik eine anderes Mal.
Dein Richard
Liebe Maria,
es tut mir leid, wenn ich dich gekränkt habe. Aber ich muss dabei bleiben, dass ich recht habe. Wenn du also nicht mehr mit mir schreiben möchtest (oder erst mal nicht mehr), dann kann ich das akzeptieren. Aber ich habe nichts zurückzunehmen. Du bis nicht so blöde, dass ich dich hier irgendwie bechwichtigen muss. Lass uns darüber reden/schreiben. Ich warte, so lange es dauert.
Dein Richard
Lieber Richard,
nein, es ist alles okay. Ich musste nur nachdenken. Meine wichtigste Frage ist, ob du verliebt bist in deinen Herren da.
Grüße, Maria
Liebe Maria,
ja.
Richard.
Lieber Richard,
das dachte ich mir. Ich muss zugeben, dass ich das nicht so ganz verstehe. Wenn wir alles anders machen sollen, warum verkriechst du dich dann als Hausdiener bei einem verkleideten reichen Typen, der nur auf Selbstjustiz scharf ist? Geh doch da weg und mach... irgendwas anderes. Du könntest doch alles sprengen und dich erwischt keiner.
Maria
Liebe Maria,
ich fürchte, für eine Antwort auf deine Fragen, die du verstehen könntest, liegen einige Jahrzehnte zu viel zwischen uns. Sei nicht böse, bitte. Ich bin mir bewusst, dass das die fieseste und nutzloseste Antwort in deiner Situation ist. Ich kann es hier für dich aufschreiben, um zu zeigen, dass ich dir nichts vorenthalten will. Aber es wird bei dir nicht ankommen. Also. Ich tue, was ich tue, weil hierher gelangt bin und eben an diesem Ort, in dieser Funktion, tun muss, was ich kann. Das meine ich mit den Jahrzehnten, die zwischen uns liegen. Wenn man jung ist, glaubt man, dass man alles gestalten kann. Dass man Herr und Herrin seines Schicksals ist (du weißt noch, wie ich „Schicksal“ erklärt habe? Was man nicht beeinflussen kann, selbst dann, wenn es von Menschen gemacht ist und deshalb natürlich prinzipiell zu verändern ist?). Und dann ist es glaube ich doch so, dass man so zielbewusst steuern kann, wie man will, am Ende landet man irgendwo. Es gibt einfach zu viele Variablen: ungenaue Karten, falsche Messungen, optische Täuschungen, Wetter, Materialfehler, aber auch Inneres, Augenverschließen, Verdrängung, Nichtsehenwollen, Überraschtsein von sich selbst … jedenfalls: ich habe gesteuert, gepeilt, gerudert, und bin irgendwo gelandet, wo ich zwar nicht hinwollte, wohin mich aber, wenn ich zurückschaue, alle meine Entscheidungen unfehlbar geführt haben. Wo ich heute bin, das habe ich von vorne bis hinten so gemacht, obwohl ich unterwegs nicht im Traum daran gedacht hätte, ich könnte genau hierher wollen. Und jetzt tue ich hier, was ich kann und was ich für richtig halte. Damit die Welt nicht bleibt, wie sie ist. Unter anderem schreibe ich dir. Ach, ich weiß, dies ist ein nutzloser Brief.
Beste Grüße, Richard
Lieber Richard, danke für deine Erklärung. Ich habe viel darüber nachgedacht und glaube, dass ich sie gar nicht so unverständlich finde. Aber bevor wir darüber sprechen, schreib mir doch bitte kurz, dass es dir gut geht. Ich habe die Feuerwehr und die Krankenwagen vor eurem Grundstück gesehen. Polizei war ja auch da. Ich habe keine Zweifel, dass du alles Wichtige gut versteckt hast. Aber das ist jetzt schon fast eine Woche her, und seitdem ist es dunkel bei euch. Ich kann auch unterirdisch keine Bewegung messen. Vermutlich seid ihr in irgendeinem Versteck. Wenn du nicht schreiben kannst, gib mir irgendein Zeichen. Ich mache mir Sorgen.
Maria
Vielleicht ist dieser tote Briefkasten nicht mehr sicher. Ich will dich nicht in Gefahr bringen. Aber ich warte. Use the master´s tools.
M.
Lieber Richard,
ich kann nicht ganz glauben, dass ich diesen Brief schreibe. Dass ich noch einmal so einen Brief schreibe. Aber ich habe getrunken und heute ist mein letzter Tag hier. Also. So be it. Das Ganze ist inzwischen so lange her, dass ich nicht mal weiß, ob ich mir nicht alles eingebildet habe. Ich erinnere mich, dass es dein Haus gab, dass ich eine Drohne hatte, dass ich dir geschrieben habe. Aber hast du wirklich geantwortet? Und wenn ja, was? Ich war so traurig und wütend, ich habe alles weggeschmissen. In meinem Kopf war alles ganz groß und wichtig. Aber vielleicht waren es nur ein paar netten Zeilen von einem besorgten Nachbarn. Weißt du, dass ich wirklich nachgeforscht habe, auf eurem Grundstück? Natürlich war da nichts. Nicht in den Wänden, nicht unter der Erde. Sie haben dann ja alles umgegraben und diesen Bungalow da hingebaut. Ich weiß noch, dass es in der Nachbarschaft hieß: Doppelselbstmord. Irgendwas mit Eifersucht, nachts war da ja immer so ein Lärm, die Autos, die kamen und gingen, der eine verlässt nie das Haus, der andere immer unterwegs, diese Schwulen, am Ende auch nur Leute wie wir, schrecklich. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Aber ich war sauer und ehrlich gesagt bin ich es noch. Dass du dich einfach nicht mehr gemeldet hast. Diese Briefe oder das, was ich aus ihnen gelesen habe, das war damals das Wichtigste für mich. Dass einfach jemand da war, der ganz normal mit mir geredet hat. Na ja, normal. Mich eben ernst genommen hat. Egal, was wirklich in den Briefen stand. Dieses Gefühl werde ich niemals vergessen. Danke. Wie gesagt, ich gehe jetzt weg, studieren. Ganz ehrlich, das hätte ich glaube ohne diese Sache damals nie geschafft. Oder auch nur gewollt. Physikerin sein oder Ingenieurin. Egal, ob es dich wirklich gegeben hat oder noch gibt oder ob das hier nur so eine letzte therapeutische Maßnahme in einer langen Reihe von therapeutischen Maßnahmen ist. Danke jedenfalls. Und ich warte immer noch. Aber ich schätze, ich komme nicht wirklich noch mal wieder, um in dieses Astloch zu gucken. Und wie ich dieses Loch mitnehmen kann, damit du mir dahin schreiben kannst, wo ich jetzt hingehe, dafür habe ich noch nicht lange genug Physik studiert. Haha. Also ist das hier wohl ein Abschied. Ich hoffe, das ist jetzt alles nicht wieder so eine Scheiße, wegen der du mich dann fertig machst, was ich hier schreibe. Alles Gute, Richard, wo immer du auch bist.
Maria
Maria, hallo.
Who ist this?
Ich bin´s. Richard.
Welcher Richard?
Richard Maurer. Wir kennen uns aus den Briefen.
Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber lassen Sie mich in Ruhe. Das ist ein privater Chat. Ich kann sie zurückverfolgen und werde das auch tun, wen Sie nicht sofort gehen.
Bei jedem anderen könntest du das. Aber meine Verbindung ist … anders. Wie auch immer. Ich wollte dich beglückwünschen. Und mich entschuldigen, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe.
Fuck this. Get lost, asshole. I´m logging you as we speak.
Ich verstehe, dass du wütend bist. Ich bin froh, dass du diese Kraft hast. Offenbar habe meine Ratschläge bezüglich der Ballaststoffe und der Zahnpflege ihre Wirkung nicht verfehlt. Maria?
Maria, bist du noch da?
Ja. Is this really, bist du das wirklich? Ja, oder?
Ja.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Musst du auch nicht. Ich wollte dich, wie gesagt beglückwünschen. Zu deiner Arbeit. Ich habe sie mit großem Interesse gelesen. So weit ich sie verstehen kann. Aber es gibt hier Leute, die mir versichern, dass du was ganz Großes … also, dass man da wirklich mit den Bausteinen des Universums, wie es uns umgibt, alles so umbauen kann, in der Theorie erst mal, dass etwas dabei rauskommt, wie es bisher im Universum eben nicht war. Hinten links in was Anderes eben.
Was sind das für Leute?
Das kann ich dir hier nicht .. Maria, wir haben nicht viel Zeit. Es gibt da Andere .. ich kann das jetzt nicht erklären. Die sind mir auf den Fersen. Und sie werden bald auch zu dir kommen, jetzt, wo deine Ergebnisse raus sind. Und ich möchte, dass du vorher zu uns kommst. Auf die richtige Seite. Es gibt hier .. damals war das nur ein Witz, aber du hast mich auf die Idee gebracht. Es ist so eine Art Schule, die wir hier haben, eine Schule für Leute wie uns. Wo wir daran arbeiten, dass alles anders wird. Und Leute wie dich, Quatsch, genau dich, dich gibt’s nur einmal, die brauchen wir hier. Ich kontaktiere dich auf einem sicheren Weg und schicke dir
Richard.
Ja?
Richard, das ist super, von dir zu hören. Aber ich kann hier nicht weg, auch nicht für so eine, was weiß ich, Superheldenschule oder was.
Wir haben hier alles, Labore, Technik, die besten Leute, Leute, von denen draußen keiner was ahnt. Maria, wir machen hier Dinge, das ist Sciencefiction für den Rest der Welt, da sind Sachen dabei, das Flugmobil von damals, der Fusionsreaktor, das ist alles Käse im Vergleich dazu. Da kann dein MIT da, deine Tisnghua-Universität oder wo du jetzt hingehst, also, einpacken, ja?
Es gibt hier eben jemanden. Und da kann ich nicht einfach weg. Will ich auch nicht.
Richard?
Ja. Natürlich gibt es da jemanden.
Du bist doch nicht sauer.
Nein. Niemand versteht das besser als ich.
Es ist halt so gekommen.
Ja, klar.
Hast du ja selber geschrieben, damals.
Ja, stimmt ja auch.
Eben.
Eben. Aber dass du wieder da bist, das ist … wir müssen das unbedingt weitermachen. Vielleicht kann ich ja so, ich weiß auch nicht, als korrespondierendes Mitglied
Ich glaube nicht, dass wir in Kontakt bleiben können.
Richard, hier ist was, da sind so Streifen auf meinem Bildschirm. Irgendwas macht komische Geräusche. So regelmäßig, wie ein
Mach sofort aus. Die haben dich. Das ist eine visuell-akustische-Hypno
Whoopsi. That shouldn´t have happened. We´re terribly sorry. Let us retrieve the data and see what went wrong. For now, would you like to
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