Ilyrion

Keine Arbeit

Moritz Herbst schreibt in der jungle world sehr schön auf, warum wir uns organisieren sollten, um die Zumutungen der Arbeit zurückzuweisen. In derselben Ausgabe der jungle world erscheint unter dem wunderbaren Titel "Samba si, Arbeit no!" eine kleine geschichtliche Herleitung des vermurksten deutschen Arbeitsfetisch von Nikolaus Lelle.

https://jungle.world/artikel/2022/26/gezwungen-zum-abwehrkampf

https://jungle.world/artikel/2022/27/samba-si-arbeit-no

Ich freue mich sehr, wenn diese Grundforderung meines Privatkommunismus mal wieder artikuliert wird. Meiner bescheidenen Meinung nach kann man sich die Lektüre schwergewichtiger Werke zunächst mal sparen, sondern über die einfache Erkenntnis, dass Arbeit das Leben zerstört, zur Gegnerin der bestehenden Ordnung werden. Man spürt und sieht es allüberall, da braucht es nicht Marx und Engels, keine Goldman und keine Luxenburg. Das Unrecht der Arbeit ist unso größer, da wir heute die Möglichkeit hätten, jeden Menschen auf der Erde mit mindestens dem Lebensnotwendigen zu versorgen, wenn das bloß Priorität wäre. Das heißt: so organisiert. Womit man auch ganz ohne Kapital-Lesekreis zu dem Schluss kommt, dass diese Organisation der Knackpunkt ist. Wie das gehen könnte, welche Machtfragen damit verknüpft sind, gut, damit gibt es schon Erfahrungen, und dazu könnte man sich doch mal schlau machen, damit man nicht immer dieselben Fehler nochmal macht.

Aber es bleibt doch: so schwer ist das nicht zu verstehen. Es ist vernünftig, es ist gut für uns. Und es lässt sich in der unmittelbaren Umgebung beginnen und teils mit schönen Erfolgserlebnissen verknüpfen, mit so altmodischen Dingen wie Betriebsräten, Einfordern von zugesicherten Arbeitsbedingungen, Trennung zwischen Arbeit und Privatleben, dem Anerkennen und Formulieren der Tatsache, dass die Interessen meines Arbeitgebers nicht meine sind. Damit ist die Arbeit nicht weg, aber irgendwie muss man ja mal losgehen.

Dass so altmodische Sachen gesagt werden müssen (besser noch: gemacht) liegt an den verkehrten Zeiten. Wenn selbst linke Parteien und Gewerkschaften von "besserer Arbeit", "neuer Arbeit" und "Arbeit für alle" faseln, sollten wir uns auf die richtige Forderung besinnen, dass wir gar nicht mehr arbeiten wollen. Aber Jasper, was ist mit der sinnstiftenden Teilhabe? Ja nun, dass es hier und heute für viele Leute schlimmer ist, nicht arbeiten zu dürfen, als arbeiten zu müssen, befördert mein Argument doch nur. Und wollen wir nicht alle irgendwas machen, sonst drehen wir durch so als Menschen? Klar, ich bin doch der erste, der jeden Tag irgendwas machen muss. Aber doch nicht, damit ich überhaupt überleben darf!

Ich lasse auch gern das Argument gelten, dass wir vermutlich längere Zeit um ein gewisses Maß notwendiger Arbeit nicht herum kommen. Aber diesen Einwand lasse ich mir nur so richtig unter der Prämisse gefallen, dass eigentlich überhaupt nicht gearbeitet werden soll. Dann könnte man ehrlich schauen, was wirklich, wirklich unumgänglich ist. Dann könnte man diese Arbeiten massiv belohnen (Geld wird es dann nicht mehr sein). Wenn sie dann immer noch niemand erledigen will, hat vor hunderten Jahren schon jemand vorgeschlagen, sollte man sie eine Zeitlang bleiben lassen und schauen, ob sie wirklich so nötig sind. Wie auch schon jemand Klügeres festgestellt hat, wird es dann vermutlich ein- oder zweihundert Jahre etwas langsamer vorangehen mit dem technologischen Fortschritt. Das können wir, denke ich, in Kauf nehmen.

Diese Nachricht von Captain Obvious wurde ihnen gebracht durch einen Lurch der deutschen Industrie, der heute forderte, die Bürgerinnen möchten doch "aus Solidarität mit der Industrie" Energie sparen. Wer soll uns schließlich sonst die schönen Arbeitsplätze bereitstellen? Ja dann! Bzw auf keinen Fall.