Eine Begebenheit aus der Zeit des Volksaufstands der roten Blumen
Kurz vor der Kammer des Minotaurus rasteten sie im Schutz einer Glyphe. Außerhalb des Bannkreises hörten sie Schnüffeln und Scharren, das sich mal näherte, mal wieder entfernte. Im Glosen der Flechten erahnte Molim einen Rüssel, der sich weich und faltig an der Grenze zu schaffen machte. Er hielt den Atem an, bis das Ding sich wieder in die Schwärze zurückfallen ließ.
Es kann dich nicht hören, rief er sich selbst zur Ordnung. Nicht hören, nicht sehen nicht riechen. Ein feindlicher Magier hätte die Glyphe aufspüren und vernichten können, doch bisher hatten die Karte nicht getrogen. Auf dieser Ebene gab es nichts und niemanden mit diesen Fähigkeiten. Und der Minotaurus in seiner Kammer war stark und raste in seinem Wahn, doch zaubern konnte er nicht.
Mit Zahirs Hilfe wäre es für ihn und Otona ein Leichtes, das Untier zu töten, und ihrem Auftraggeber die Hörner zu bringen. Von dem Erlös konnten alle drei Abenteurer Monate leben. Schlafen jetzt, ermahnte sich Molim. Morgen musst du ausgeruht sein. Ausgeruht und klar im Kopf. Er zog die Decke fester um sich, obwohl es auf dieser Ebene nicht mehr kalt war. Er schloss die Augen und bemühte sich, die Atemzüge zu beruhigen. Auch nach all den Jahren als Abenteurer fand er kurz vor dem Ziel einer Mission schwer in den Schlaf. Zahir wisperte und wiegte sich im Schatten vor und zurück, während er seine Sprüche für den kommenden Tag memorierte. Otona seufzte im Schlaf. Seltsam, dachte Molim. Ich kenne diese Leute nicht. Ich weiß nicht das Geringste über sie. Und doch vertraue ich ihnen mein Leben an und würde alles tun, um das ihre zu retten. Zwei Tage hatten sie Seite an Seite gekämpft. Mehr als einmal war es knapp gewesen. Jetzt standen sie vor der Entscheidung.
Seltsam, dachte Molim noch einmal. Ein seltsamer Beruf. Da riskierst du dein Leben für irgendeinen Fremden, der dich auf etwas hetzt, das von nichts was weiß und für nichts was kann, nur damit du dem armen Viech was abschneidest, was irgendwo für einen Zauberer oder einen Adeligen ein Vermögen wert ist. Und von dem Vermögen siehst du nichts und deine Gefährten auch nicht und nach dem Auftrag sieht man sich nicht wieder. Er drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Tagelang siehst du den Himmel nicht, dachte er. Steine, Felsen, Geröll. Und wieder von vorne. Seine Hand war in seinem Schoß gelandet. Als Kind war er gern mit der Hand am Penis eingeschlafen. Lange bevor er wusste, wie man sich einen runterholt. Es hatte ihm beruhigt, wie andere sich den Daumen in den Mund steckten. Er räusperte sich und veränderte seine Position. Otona lag immer noch auf dem Bauch, ein Bein angewinkelt. Ihre Lederrüstung knarrte bei jedem Atemzug. Sie schläft, dachte er erleichtert. Und der Zauberer murmelt vor sich hin.
Doch da drehte die Kriegerin ihr Gesicht zur Seite. Etwas bewegte sich in ihrem Gesicht. Sie grinste. Das Quietschen der Rüstung wurde lauter. Erst jetzt sah er, dass eine Hand unter ihrem Bauch steckte. Die Rüstung ächzte. Molim spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Zahir wisperte dringlicher. Die holt sich einen runter, dachte er. Klar, warum nicht. Man schläft besser. Und der Schlangenmann ist doch auch nicht so tief in Trance, wie es den Anschein hat. Na gut. Er legte die Hand wieder in den Schoß und schaute zu Otona hinüber. Die weiße Scheibe ihres halben Gesichts war immer noch auszumachen. Auf der halb sichtbaren Brust prangte eine abgewetzte rote Blume. Na gut, dachte Molim. Man schläft danach besser. Und wenn ich morgen sterbe, war es ein guter Abend. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Mauer und schob sich die Hand in die Hose. Bald schon rieben er und die Kriegerin im gleichen Rhythmus. Ihre andere Hand verschwand ebenfalls unter ihrem Bauch. Sie sahen sich durch die Dunkelheit an. Das Leder ihrer Rüstungen knarrte. Draußen kratzen Klauen auf den Felsen. Zahir, der Schlangenmensch hatte den Kopf halb erhoben und sah ihnen unter der Kapuze hervor zu. Er zischelte und flüsterte. Erst war es Molim peinlich. Aber dann dachte er: Guck doch. Na guck doch. Otona stöhnte leise und rieb und knarrte und knarrte und rieb. Kurz bevor er kam, dachte Molim: Scheiße, Flecken. Aber nach drei Tagen im Verlies war er ohnehin nicht mehr sauber. Er versuchte noch, auf das Geröll zu zielen, aber mehrer der heißen Schübe landeten auf seiner Rüstung und seiner Hose.
Keuchend lag er in der Dunkelheit. Der Geruch nach nassem Mehl seines Spermas mischte sich mit dem Modergeruch des Verlieses. Otona lachte heiser. Sie kroch ein Stück auf ihn zu und tastete nach seiner Hand. Er zuckte zurück, als habe ihn eine Spinne berührt, und erwiderte dann den Druck. Noch immer konnte er sie nur schattenhaft erkennen, aber jetzt spürte und roch er sie. Eine Weile lagen sie da und atmeten. Die Wärme ihrer Hand, die schwielige Haut und der Geruch ihrer Körperflüssigkeiten erinnerten ihn an die Welt oben. Er würde nicht für immer hier unten für Geld den Kopf hinhalten. Es gab noch etwas anderes. Dass Zahir noch da war, merkte er erst, als der Schlangenmensch mit raschelnden Roben auf sie zugekrochen kam. Molim richtete sich halb auf, aber Zahir kroch zwischen seine Beine und senkte den Kopf. Molim wollte etwas sagen, aber Otona drückte seine Hand. Er ließ sich wieder gegen die Wand sinken und hielt ihre Hand ganz fest. Etwas Kleines tastete sich über seine Brust und den Bauch vor. Im Lichtfleck einer Flechte, der auf seinen Schoß fiel, erkannte er, dass es die zwiegespaltene Zunge des Zauberers war. Sie wanderte von Fleck zu Fleck und tupfte behutsam das Sperma von seiner Kleidung. Molim hielt den Atem an. Ganz zum Schluss wischte die Zunge kalt und glatt über seinen schlaffen Penis. Er erschauderte. Vorsichtig hob er die freie Hand und legte sie Zahir auf den Kopf. Er spürte den Herzschlag im Hals und in den Schläfen.Die Kapuze gilt zur Seite. Die Schuppen auf dem Kopf waren weich wie das kürzeste, glatteste Haar. So schliefen sie schließlich ein, Hand in Hand, den Kopf im Schoß, bespritzt und abgeleckt, von wandernden Monstern umschlichen.
Beim Aufwachen vermieden sie es, sich anzusehen. Sie prüften ihre Waffen und aßen und tranken. Kurz bevor Zahir die Glyphe entfernte, räusperte sich Molim doch noch. Er wollte irgendetwas sagen, um das Geschehene zu würdigen. Vielleicht sollte man umkehren. Aber er sagte nichts. Sie machten sich bereit und löschten die Glyphe.
Am Fuß der Treppe angekommen traten sie auf sein Zeichen hin die Tür ein. Dahinter lag glühender Kohlendämmer. Hufe scharrten. Ein Schnauben aus weiten Nüstern. Hörner und schwarze, giftige Augen. Die Pranken rissen einen Bogen in die Höhe, der wie ein Spielzeug aussah. Ein Pfeil sirrte und durchbohrte Zahir die Kehle, noch bevor er den ersten Zauberspruch abfeuern konnte. Die Wucht schleuderte ihn gegen die Wand, wo er zu Boden rutschte. Otona stürmte vor, brüllte, reckte das Schwert, und rutschte in einem Dunghaufen aus. Sie stürzte, krachte mit dem Hinterkopf auf den Steinboden und blieb reglos liegen.
Der Minotaurus ragte vor Molim auf wie eine Wand. Klappernden warf das Untier Pfeil und Bogen weg und schloss die Pranken um Molims Hals. Molim roch Moschusgestank und kniff die Augen zusammen, als ihm Geifer und heißer Atem ins Gesicht sprühten. Er trat, so fest er konnte, und traf das Monster in die Weichteile. Der Minotaurus brüllte, knickte ein und lockerte den Griff um Molims Hals. Der stieß den Kopf vor und grub die Zähne in die Nüstern seines Gegners. Das Brüllen ging in ein Heulen über. Molim zerrte an dem weichen Fleisch und riss schließlich mit einem Zurückschleudern des Kopfes ein großes Stück davon heraus. Er schmeckte Eisen und Salz. Der Minotaurus prallte zurück und schlug die Pranken vors Gesicht. Molim riss das Messer aus dem Gürtel und stieß damit nach dem Hals des Gegners, rutschte aber, halb blind vor Blut und Speichel, und gehindert von den Pranken, mit einem fühlbar Knirschen ins Auge. Der Minotaurus schlug wild um sich. Molim sah farbige Punkte, hörte ein Summen. Er stürzte. Das Ungeheuer stolperte blindwütig durch die Kammer, fuhr mit den Klauen durch die Luft, drehte sich um sich selbst, krachte in eine grob gemauerte Säule und ging in einem Schauer aus Steinchen zu Boden. Molim hörte nur noch das Summen in seinen Ohren, sein Keuchen und das plätschernde Blut des Minotaurus. Das Monstrum hob den Kopf und blökte wie eine kalbende Kuh. Vielstimmiges Keckern und Kreischen aus den Tiefen des Verlieses war die Antwort, als die Monsterscharen ihrem sterbenden Herren antworteten. Dann krachte der gehörnte Schädel leblos zu Boden. Ein stechender Gestank breitete sich im Gewölbe aus, als sich das Mischwesen im Sterben entleert.
Molim sog trotzdem gierig die Luft ein. Ich lebe, dachte er. Ich lebe noch. Er rappelte sich auf und schleppte sich zu den Kampfgefährten. Otona war auf einen rostigen Ring gestürzt, der sich unterhalb des Helms in den Schädel gebohrt hatte. Sie starrte blicklos an die Decke. Molim griff nach ihrer Hand, die schon kalt wurde. Sie trug einen bronzenen Ring, den er ihr vom Finger zerrte. Zahir lag reglos an der Wand. Molim strich ihm über die Wange. Die Schuppen fühlten sich noch genau so weich an wie vor wenigen Stunden. Eine löste sich und fiel Molim in die Hand. Er steckte sie ein. Er wusste, dass er die beiden Kampfgefährten weder bergen noch bestatten konnte. Ächzend zerrte er sie durch den Raum, bis sie Seite an Seite lagen. Er bedeckte ihre Gesichter mit Zahirs Mantelsaum.
Was sollte er sagen? Er war kein Priester. Er schloss die Augen und dachte an die kurze Zeit, die sie sich gekannt hatten. Dann kniete er sich neben den Minotaurus und säbelte, sagte, zerrte und drehte, bis er die Hörner im Rucksack verstauen konnte. Er stand auf, wischte sich über das Gesicht und starrte auf den toten Koloss. Endlich stöhnte er, versetzte dem Toten einen Tritt, und lief aus der Kammer.
Die blutigen Hörner durchtränkten seinen Rucksack. Seine Hose wurde feucht und er zog eine tropfende Spur durch das Verlies. Sei es, dass der Tod des gewaltigsten Ungeheuers die anderen eingeschüchtert hatte, sei es, dass Molim in seiner rasenden Verzweiflung unantastbar wirkte, es griff ihn auf dem Weg ans Tageslicht nichts an und keine Falle schnappte zu, obwohl er so sehr in den eigenen strudelnden Gedanken versunken war, dass es ihm nicht einfiel, sorgsam die Schritte auf den Weg zu setzen, den sie auf dem Weg hinein gesichert hatten.
Endlich spürte er frische Luft auf dem Gesicht und stolperte zwischen den bröckelnden Säulen ins Freie. Die Zikaden rieben unsichtbar in den schwarzen Bäumen die Flügel aneinander. Der Nachthimmel war blau und hallte wieder von der irren, rastlosen Bewegung. Molim taumelte auf den Pfad zwischen den schweigenden Bergen zu. Irgendwann fiel er und schlief ein. Er erwachte am nächsten Mittag mit dröhnenden Kopf. Fliegen unschwirrten seine blutverkrustete Rückseite. Er fand einen Bach und einen Feigenbaum und aß und trank. Es roch nach Harz, Kiefern und trockener Hitze. Nachmittags traf er einen Schäfer mit seiner Herde. Der Mann beäugte ihn misstrauisch, roch und sah das Blut und das Flackern in seinen Augen. Als Molim ihm Otonas Ring zeigte, drehte er das Metall in den rissigen Händen und wies ihm dannden Weg zu einem abgelegenen Gehöft. An der Bergflanke bemerkte Molim im Umdrehen, dass der Schäfer ihm hinterherstarrte. Am Abend ging ein Gewitter aus den Wolken nieder, die sich an den Gipfeln festgebissen hatten. Der Donner rollte wie Steinschlag zu Tal. Regen spülte Schlamm hinterher. Oben flohen Ziegen. Ein Baum ging krachend in Flammen auf. Schatten tanzten umher. Endlich rann das Blut aus dem Rucksack und Molims Hosen und löste sich im Toben auf. Er kletterte unbesiegbar den kaum noch kenntlichen Pfad in die Höhe.
Früh morgens trat er auf eine Wiese mit zwei langgestreckten Häusern. Eine kurzhaarige Frau mähte Gras mit einer Sense. Ein Kind fütterte eine Ziege. Irgendwo blökte eine Kuh. Er näherte sich der Frau, den Ring wie als Entschuldigung vor sich gestreckt. Sie hob den Kopf und spähte ihm misstrauisch entgegen. Das Kind duckte sich auf ihr Zeichen. Sie erkannte den Ring gleich und konnte nicht mehr stehen. Das Kind kam zu ihr gelaufen. Unfähig, etwas zu sagen, drückte ihr Molim das Metall in die Hand. Sie presste es ans Gesicht und wiegte sich vor und zurück. Die Ziege drehte sich um und leckte ihr die Stirn. Das Kind strich ihr übers Haar. "Nicht so schlimm", sagte es. "Nicht so schlimm." Molim musste sich abwenden. Er erreichte die Stadt wie ohne eigenes Zutun, ohne Bewusstsein und ohne Erinnerung an den Weg. Die Wachen musterten ihn misstrauisch, blutbesudelt und wild, wie er war. Doch der Name seines Auftraggebers öffnete ihm schließlich die Tore. Er wich vom Weg zum vereinbarten Treffpunkt ab und suchte in den verwinkelten Gassen den Weg zum Gemeindehaus der Schlangenmenschen. Das Unwetter in den Bergen hatte die Stadt nicht erreicht. Geckos hingen glotzend an den Mauern. Die Menschen waren vor Staub und Hitze auf die Dächer geflüchtet und versuchten dort, Atem zu schöpfen und in den Schlaf zu finden. Molim schleppte sich voran wie durch flüssiges Glas, müde und mit leerem, übervollem Kopf. Endlich klopfte er an die schwarzen Türflügel. Teilnahmslos ruhte sein Blick auf dem Relief, das die Ankunft der Schlangenmenschen in ihren Sternenschiffen darstellte, geleitet von Engeln und Hinmelslichtern. Ein Priester in schwarzen Roben öffnete ihm. Molim zeigte die Schuppe und suchte nach Worten. Schweigend nahm ihm der Priester die Schuppe aus der Hand und winkte ihm, einzutreten. Blakende Fackeln tauchten das Tempelinnere in Zwielicht. Statuen starrten aus den Tiefen des Raumes. Die Luft schmeckte nach Weihrauch. Ein Schlangenmensch trat in einen Lichtstrahl, der durch ein Loch in der Decke fiel. Der Priester reichte ihm die Schuppe. Trommeln pochten. Vielstimmiges Zischen ertönte ringsum. Andere brachten zuckende Eier und stapelten sie zu Füßen des Schlangenmenschen im Licht. Krokodile in verzierten Geschirren wurden herbeigeführt. Zwei nackte Schlangenmenschen in Fesseln taumelten näher. Aus der Dunkelheit klatschte Flüssigkeit auf die Gruppe im Licht. Sie alle trieften und glänzten. Der Priester reckte eine Fackel. Molim stöhnte und flüchtete zurück zum Ausgang, um nicht mit ansehen zu müssen, wie Familie, Haustiere und Sklaven Zahir ins Jenseits folgten. Er stieß die Türen auf, stolperte ins Freie, sog die stickigen Stadtluft ein und schmeckte noch einen Hauch von gebratenem Hünchen, hörte Schreie, Zischen und Trommeln.
Von Häuserwand zu Häuserwand zog er sich bis in die Taverne, in der er die Beute übergeben sollte. Ihn umgab eine Landschaft aus Gesichtsflecken mit Mundöffnungen. Er schmeckte Rauch und Fett und saures Bier. Die Luft war ein Gewirr und Gesumm aus Wörtern und gemeinem Lachen und Drohungen. Als sich der Auftraggeber an seinen Tisch setzte, fiel alles andere zurück, und zum ersten Mal seit dem Kampf in der Kammer des Minotaurus stellte sich alles scharf. Molim sah, hörte und dachte wieder klar. Der Auftraggeber sprach.
Ein tragischer Verlust. So jung. Aber Berufsrisiko. Sie hatten sich aus freiem Willen. Nicht zuletzt zu einem höheren Zweck. Magische Forschung. Anwendungen, die das Leben vieler Menschen. Schock für die Familien. Schicksalhafte Fügung für ihn, Molim. Das gesamte Geld. Im anderen Fall hätten auch seine Gefährten. Nicht gezögert, die Summe. Das Glück. Mit den Tüchtigen. Jeder. Seines Glückes. Schmied. Fügung. Auslesen. Das Überleben der. Setzten sich durch. Ordnung der Welt. Ordnung unseres Zusammenlebens. Vollziehen sich hier eine. Nicht bloß eine. Sondern. Könne sich glücklich. Stolz. Also hier. Das ganze und dazu noch. Ob er einen Anschlussauftrag. Mitarbeiter wieder nach seinem Gutdünken. Müssten auch nicht garantiert alle wieder nach Hause.
Molim packte den Auftraggeber in den Haaren und schlug sein Gesicht wieder und wieder auf die Tischplatte, bis man ihn wegzerrte. Zwischen Bier, blutigen Hörnern und Goldstücken ein Auge, aufwärts stierend, Fleisch, Splitter, Knochen, Holz. Man übergab ihn der Wache. Er wurde professionell zusammengeschlagen, bis er das Bewusstsein verlor. Er erwachte im Dunkeln, stolperte unter Stockschlägen ins Licht, in Lärm. Er stand im Sand der Arena, blinzelte, als Zehntausende auf den Rängen brüllten, und er hier unten einer Handvoll gegenüberstand, die sich abschlachten sollten. Ein Teil von ihm wollte sterben und keine Hand rühren. Der andere Teil kämpfte, tötete und gewann. Er blieb Champion und grimmiger Liebling des Publikums, bis er ein Auge verlor. Noch fiebernd verkaufte man ihn auf eine Galeere. In der ersten Stadt, die sie anliefern, gelang ihm die Flucht. Er wurde gefangen und erneut professionell zusammengeschlagen. Diesmal ließ man ihn für tot liegen. Die schwarzen Kaufleute mit den verhüllten Gesichtern lasen ihn auf und warfen ihn in den Bauch eines ihrer schrecklichen, stummen Schiffe. Vor dem schmatzenden Etwas, das das Schiff antrieb, floh er kriechend zwischen Fässer und flog mit dem Schiff über den Rand der Welt durch die Leere zwischen den Sternen auf die dunkle Seite des Mondes. Katzen, zu denen er auf der Erde immer freundlich gewesen war, drängten sich um ihn und ermöglichten ihm die Flucht aus der schwarzen Pyramide am Hafen für die insektenartigen Reisenden aus den Tiefen des Alls. Sie sprangen mit ihm zurück zur Erde und setzten ihn nahe der Stadt seiner Herkunft ab. Er wurde als Vagabund aufgegriffen, erneut versklavt, und kam zu einem Herren, den körperliche Gebrechen erregten. Molim, der Einäugige, tat, was viele Sklaven vor ihm getan hatten, die der Liebe ihrer Herren schutzlos ausgeliefert waren. Er überzeugte sich fast ganz davon, dass diese Zuneigung auf Gegenseitigkeit beruhte. Er stieg zum Liebling seines Herren auf und trainierte dessen Gladiatoren für die Arena, bis der zweitliebste Sklave ihm ein kleines Vermögen bot, wenn er seinen Platz räumte.
Molim nahm das Geld und kaufte davon in den Bergen vor der Stadt ein kleines Gehöft. Er und der Bauer, den er für die Arbeit einlud, wurden ein Paar. Es kamen eine Schreinerin und ein Schlangenmensch, der Fruchtbarkeitszauber beherrschte. Ein störrische Jugendlicher aus dem Nachbardorf kam wegen Arbeit und Unterkunft. Nach einem Brand im Nachbarhof nahmen sie Zwillinge auf. Das Gehöft wurde zu einer Familie. In diesen Jahren spannte sich der Himmel über ihrem Tal wie die Sphäre einer Schutzrune. Von draußen drang kaum etwas herein. Molim und seine Familie erfuhren nichts vom Volksaufstand der roten Blumen. Sie ahnten nichts von Artex, der den Armen und Tagelöhnern predigte, den Sklaven und Abenteurern, aber nicht von einem Jenseits der Götter und Geister, sondern von einer anderen Welt diesseits, in der es keine Sklaven und keine Herren mehr gäbe, in der alles den Menschen gemeinsam gehörte und von ihnen bestellt würde. Sie hörten nichts vom Aufmarsch der Massen, vom Klirren der Sensen und Heugabeln, die sie als Waffen mit sich führten, und nicht ihre Gesänge, die davon handelten, dass jeder Mensch sich an seinem Platz einreihen solle, weil er auch doch auch ein Mensch sei. Vom Volksaufstand der roten Blumen erfuhren sie erst, als zwei junge Frauen sich ins Tal verirrten, die sich den Kämpfenden anschließen wollten. Molim bot ihnen den Stall zum Übernachten an und brachte ihnen Käse, Brot und Wein, dazu eine einzelne Blume, die die Bergbewohner Männerblut nannten.
Am anderen Morgen kam eine Haufe aus dem Dunst an den Bergflanken. Auf die Frage nach Freiwilligen, die mit gegen die Stadt zögen, zuckte Molim die Achseln. Die Frauen erwachten später, aßen mit Appetit, bedankten sich, und ließen sich von Molim einen Weg in den Staub zeichnen, der sie weit von ihrem Ziel wegführen würde. So erfuhr die Familie im Gehöft auch nichts davon, wie Artex mit 66 Getreuen entlang der Straße zur Stadt mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurde und der Volksaufstand der roten Blumen zerschlagen wurde, noch davon, dass die Stadt ihre Kräfte derart für diesen Sieg aufrief, dass der große Khan ohne Mühe bis vor ihre Tore ziehen konnte, und allein das Vermögen der Kaufleute die Stadt und ihre Ordnung rettete, mit dem Amazonen aus dem Süden als Söldnerinnen gedungen werden konnten. Auch, dass die Händler dafür durchsetzten, dass jeder Mensch künftig Rechte haben sollte, erfuhr die Familie nicht. Zu diesen Rechten gehörte vor allem, dass jeder Mensch frei sein sollte wie früher nur die Abenteurer, frei, sich zum besten Preis zu verkaufen und dabei, wenn es sein musste, auch zu sterben, und dass deshalb die Sklaverei, die lange schon teuer und mühsam gewesen war, verboten werden konnte, denn jeder Mensch war frei, sich selbst zu versklaven.
Auf dem Dachfirst des Familiengehöfts landete aus der Welt draußen allein ein Feuervogel, den die Kämpfe aufgeschreckt hatten. Er war verletzt. Ein kreisrundes Loch waberte in den blauen Flammen seines Flügels. Molim setzte sich in Sichtweite ins Gras und winkte dem Vogel. Er überlegte und öffnete den Mund und bewegte probeweise die Zunge. "Nicht schlimm", sagte er schließlich. "Nicht schlimm".
Die Flammen des Vogels flackerten wie Schleier über die Berge und den Himmel, wie die neue Ordnung noch die Welt verschleierte, die durch sie mit einem Augen vielleicht nur schon halb sichtbar wurde. Aber durch die Wunde war sie zu erahnen und wer wollte, fing in der Stadt als freier Mensch nach dem Vorbild der Abenteurer schon an zu erkennen, dass die Freiheit zum Sterben für das Überleben nicht die einzige Freiheit sein konnte, und dass mit dem Volksaufstand der roten Blumen etwas anderes gemeint gewesen war, das er jetzt, mit der neuen schlechten Ordnung langsam Gestalt annehmen konnte.
"Nicht schlimm", sagte Molim. Der Vogel steckte den Kopf unter den Flügel und Molim schlief, die Hand im Schoß, den Geruch nach Feuer, Asche und Brathähnchen in der Nase, ein. Mensch und Tier regten sich lange nicht, doch als die besorgte Familie nachschaute, stellte man erleichtert fest, dass sie nur tief und ruhig schliefen.