Die Vorführung des Wunders
Wenn ich ein gläubiger Mensch wäre, müsste ich diese Geschichte mit der traditionellen Segensformel eröffnen.
"Im Namen Ormaz' und seiner Amerta Spenta, möge Iesaias euch ein mitfühlendes Herz schenken, wenn ihr mir lauscht, möge Mahmad geben, dass ihr mich gerecht beurteilt und Mises, dass ihr durch meine Geschichte dem Licht näher kommt, für das wir alle uns in jedem Augenblick unseres Daseins entscheiden müssen, statt in Angras Finsternis zu wandeln."
Ich bin kein gläubiger Mensch und ich mache nicht gerne viele Worte. Ich beginne also direkt.
Wir trafen uns auf der Dachterrasse über den Straßenschluchten, in denen die Menschen vor Hitze verreckten. Es heißt, dass die Leute früher, als noch Flugzeuge rund um die Welt flogen, über die Leute tief unten sagten, sie sähen aus wie Ameisen. Den Ameisen, die unter unserem Tisch die Biskuitkrümel auflasen, ging es hervorragend. Die unsichtbaren, lärmenden Menschen tief unten hatten kaum Schatten, kaum Wasser, kaum Nahrung, wusste man hier oben, aber viel Hoffnung auf Ormaz' ewiges Licht. Sie tröstete sich damit, dass man ihn Jahrtausende vergessen und Götzen angebetet hatte, hinter denen sich nur Angra verborgen hatte. Deshalb sah die Welt aus, wie sie aussah. Wenn sie sich in jedem Augenblick für sein Licht entschieden, würden sie nach dem Tod ins Paradies eingehen. Die meisten wollten lieber früher als später ins Paradies. Den meisten gelang das auch. Ein Beweis für Ormaz' Größe.
Ein anderer war die Rückkehr der Magie. Die meisten hatten davon zwar nichts, aber sie fanden es anscheinend tröstlich, dass die Welt, die sie täglich ein Stück mehr ermordete, immerhin wieder verzaubert war. Genau genommen war es nicht die Welt, die sie ermordete. Es waren heute wie damals Leute wie der Kaufmann, der mir gegenübersaß und sich Biskuitkrümel aus dem Bart strich. Der Bart hing ihm bis auf den Bauch und er strich so heftig, dass das Tischchen mit unseren Espressotässchen ins Wackeln geriet. Er zog die Augenbrauen unter dem Turban zusammen und befingerte nervös das Amulett gegen den bösen Blick, das ihm auf der breiten Schärpe lag. Er gab sich überhaupt Mühe, wie ein Zauberer aus 1001 Nacht auszusehen, was unter Geschäftsleuten dieser Tage der neuste Chic war.
Bei Leuten wie mir nicht. Ich war eine Person, die Dinge erledigte. In diesen Tagen, wo es immer weniger Regierungen gab, die Gesetze durchsetzen konnten, brauchten Leute wie er Leute wie mich nötiger denn je.
Ich gab mir Mühe, nach gar nichts auszusehen. Das gelang mir am Besten, wenn ich mir keine Mühe gab. Ich wollte, dass man mich möglichst schnell vergaß. Am Besten nahm man mich gar nicht erst war. Ich hatte keinen Namen, nur sieben oder acht verschiedene, Kleidung aus den Shops tief unten, die billige Menschen unter Aufsicht teurer Roboter am Fließband zusammennähten, und ein Gesicht, das aufgrund genetischer Zufälle von Überwachungskameras widerstandslos erkannt und auf dem größten Stack abgelegt wurde wie eine weitere Leiche auf den Begräbnistürmen, die als hilfesuchende Ärmchen aus den Abgründen unter unserer Dachterrasse emporragten. Niemand griff danach. Selbst der Gestank, der manchmal mit einem indiskreten Wind zu uns emporwehte, als stellten sich die Türme auf die Zehenspitzen, half da nichts. Wäre mein Gesicht von den Kameras gar nicht erkannt worden, wäre das zu auffällig gewesen. Ein bisschen Menschlichkeit musste auch heute sein, um meine unmenschliche Arbeit perfekt zu machen. Ich nehme an, dass meine Behauptung, ich würde nicht gern viele Worte machen, inzwischen unglaubwürdig geworden ist. Das gehört ebenfalls zu meinem Job. Ich widerspreche mir gelegentlich, weil sich Menschen gelegentlich widersprechen. Alles andere wäre auffällig. Was allerdings stimmt ist, dass ich kein gläubiger Mensch bin.
"Sie sind kein gläubiger Mensch." Der Kaufmann deutete mit einem feisten Finger auf mich. "Das gefällt mir. Sie werden keine Skrupel haben." Ich erwiderte nicht, dass er kein Kaufmann war. Ich erwiderte nicht einmal, dass er kein Mann und in gewissem Sinn nicht einmal ein Mensch war. Ich hatten den Täuschungszauber seines Amuletts längst durchschaut, eine Funktion des Artefakts, das hier auf der Dachterasse als Sonnenbrille erschien. So etwas zu können gehörte zu meinem Job. Wie gesagt erledigte ich Dinge. Die Person, die sich als Kaufmann getarnt hatte, war der Ansicht, ich würde für sie etwas erledigen. Ich würde sie fürs Erste in diesem Glauben belassen.
"Sie sind nicht die erste Person, die ..." Der Kaufmann leckte sich die Lippen. "Die erste Person, die Dinge erledigt, die ich mit dieser Sache betraue." Er seufzte und folgte mit dem Blick der geschwungenen Brücke, die zum nächstgelegenen Gebäude führte. Ein fliegender Teppich glitt unter uns dahin wie ein Raubfisch. Der Kaufmann sah ihm nach und wandte sich dann wieder mir zu. Es war eine ziemlich gute Show. Beinahe hätte ich wirklich geglaubt, wie schwer ihm das alles fiel. Aber dann rückte er doch mit der Spache heraus.
"Genau genommen bitte ich Sie, mir etwas wiederzubeschaffen, das Ihre Vorgängerin verloren hat. Sie ist leider nicht zurückgekehrt. Ich hoffe, das schreckt Sie nicht ab?" Es schreckte mich nicht ab.
"Sie haben vielleicht vom Palast der Geisterprinzessin gehört? Ja? Sehr gut. Nun, er existiert wirklich, und auch, wenn sich allerlei Legenden um diesen Ort ranken, ist die Wahrheit immer noch ziemlich unglaublich. Ich konnte mir einiges Bildmaterial aus dem Sperrgebiet verschaffen. Drohenüberflüge, die die Chinesen gemacht haben. Videos von Befragungen indischer Flutflüchtlinge. Sehr unschöne Sachen dabei. Das ging teils nicht ohne Folter ab. Aber aufschlussreich. Dann bezahlte ich ein paar magisch begabte, aber mit bedauerlichen Lastern geschlagene junge Leute, sich mit ein paar Beschwörungen dort quasi einzuhacken. Ich bin gewiss kein Waisenknabe. Das wird jemanden wie sie nicht schockieren."
Es schockierte mich nicht.
"Dann war es nur noch ein kleiner Schritt, diese andere Person zu beauftragen, in die Wüste zu fliegen und den Palast für mich aufzusuchen. Ich hoffte natürlich auf magische Artefakte, einige mächtige Verbündete aus der anderen Welt für meine Geschäfte...nun, das ist erledigt. Ich verfolge diese Pläne nicht mehr. Nach dem Tod dieser Person scheint mir der Aufwand zu hoch. Aber ich gab ihr etwas mit. Etwas Wertvolles. Freilich nur von emotionalem Wert für mich. Einen Talisman in Form eines silbernen Schlüssels, den mir meine verstorbene Frau einmal geschenkt hat. Wenn Sie die Leiche Ihrer Vorgängerin bergen können, so wäre das sicher ein Segen und ein Schritt näher ans Licht. Aber der Schlüssel ist es, worum es mir eigentlich geht. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, ihn an diesem verfluchten Ort zu wissen. Also, sind Sie dabei?"
Ich blickte ihn durch das an, was ihm als Sonnenbrille erschien, und glaubte ihm kein Wort. Ich war dabei. Wir vereinbarten eine exorbitante Summe als Belohnung. Ich erhielt Koordinate unf gefälschte Überfluggenehmigungem. Wir vereinbarten ein Treffen zur Übergabe an diesem Ort in einer Woche. Er kippte das letzte bisschen Espresso, setzte das Tässchen klirrend ab und musterte mich aus kleinen Augen, während er sich erneut den Bart wischte. Es waren dumme, fantasielose Gesten. Im Schutz meiner vermeintlichen Sonnenbrille starrte ich auf das Amulett an seinem Hals. Es pulsierte violett in meinem wahren Blick. Es täuschte und trog und war das einzig echte an ihm. "Wenm Sie mich betrügen, ist das ihr Ende", sagte er leise. "Das wissen Sie natürlich."
Dumm und fantasielos. Ich wusste natürlich, was für ein aufgeblasener Fatzke er in Wahrheit war, und nickte cool. Cooles Nicken und Sonnenbrille, schweigend, das gefiel ihm. Er kam sich selbst gleich ganz abgezockt vor, wenn er mit einer Person wie mir zu tun hatte. Das war ein Teil meiner Methode. Er zahlte und ging. Ich beobachtete eine Person dieser Welt ganz oben, die sich die Leichentürme entlang in die Tiefe stürzte. Geier flatterten auf und trudelten ihr nach. Einige Gäste sprangen auf. Ich nutzte die Gelegenheit, mein Tässchen scheinbar ungeschickt vom Tisch zu wischen, und es gemeinsam mit einigen Ameisen zu zertreten. Kellner eilten herbei. Alles stürzte an die Brüstung und gaffte dem Selbstmörder nach. Ich drehte mich um und ging. Eine gewisse Theatralik gehörte ebenfalls zu meiner Methode.
Mein Auftraggeber war noch nicht weit gekommen. Er schwebte im Fahrstuhl an der Fassade hinunter. Ich breitete die Flügel aus und ließ mich mit den Fallwinden auf das Dach der Kabine aus transparentem Kunststoff sinken. Niemand sah mich, außer einem Vogel, der vor Verblüffung eine verweste Hand fallen ließ. Tiefer und tiefer fuhren wir, vorbei an Solarpaneelen, hängenden Gärten und Hitzeschirmen, die sich gegen die tödliche Sonne kehren ließen. Wir tauchten ins Zwielicht ein, in den Schatten, in die Dunkelheit.
Über uns schwärmten Dschinne, fliegende Teppiche, Drohnen, aasfressende Geier und Luftschreiter, Zauberer, Hexen, Hubschrauber und Minikraftwerke, die aus den Temperaturunterschiede zwischen oben und unten Energie saugten. Ein Ökosystem, dessen Bewohner allesamt mit dem Kampf um Information, Macht, Strom, Luft und Wärme/Kälte beschäftigt waren, der im stetigen Wandel begriffene Sternenhimmel des Meeresgrundes, den wir jetzt erreichten, wo anaerobe Kleinstlebewesen fraßen, was oben als Abfallprodukt galt. Die Menschen drängten sich in den Gassen unter Lichtbahnen, die beinahe nur noch ein Symbol für den Himmel über den Hochhäusern waren. Nur wenige trugen Masken oder Stofftücher über Mund und Nase. Die meisten atmeten sich einfach an und schwitzten sich ins Gesicht. Mein Auftraggeber drängte sich durch die Masse, aus der sich Leiber und Gesichter beulten, bevor sie wieder verschluckt wurden. Ich glitt unsichtbar über den Köpfen dahin. Recht dramatisch, könnte man meinen, aber hier blickte kaum jemand auf. Die Leute kochten, aßen, pissten, streichelten Hunde, stritten sich mit Kindern, fickten, schliefen, lasen, unterhielten sich unter Markisen, Decken, Vorhängen, wackeligen Dächern, Folien, flatternden Mosaiken aus Plastiktüten, inmitten von Rauch, Scheinwerfern, plärrender Musik aus Lautsprechern, Stimmgewirr, Schmerzensschreien, Schnarchen, Dunstwolken, Wasserdampf, Staub und Hitze. Ich schwebte darüber, mein Auftraggeber glitt hindurch. Wir gehörten beide nicht dazu. Diese Menschen waren gut zueinander und halfen sich mit Wasser aus warmen Plastikkanistern, gekochtem Gemüse aus Beeten in zusammengekratzter Erde, mit Umarmungen, mit teilnahmsvollem Wegsehen. Bezahlen musste niemand. Die Geldwirtschaft war hier unten fast vollständig zum Erliegen gekommen. Geld war nur seinen Gegenwert wert. Hier gab es nur noch den Gebrauch.
Hätten diese Leute sich gegenseitig auf die Schultern genommen oder wären sie auf den Gasen in den Bäuchen ihrer Toten die Türme emporgeschwebt, sie hätten leicht die Brücken und Dachterrassen oben erreicht. Aber das war nicht der Weg des Lichts. Sie entschieden sich in jeder Situation, gut zu sein, nicht machtvoll, und so blieben sie, wo sie waren, und mit ihnen der ganze Planet. Personen wie meinen Aufteaggeber hingegen kümmerte Ormuz und Angra kaum, und so blieben sie ebenfalls, wo sie waren, und mit ihnen der ganze Planet.
Mein Auftraggeber allerdings würde nicht mehr lange irgendwo sein. Ich folgte ihm bereits in die Seitengasse, die wacklige Treppe an der Außenseite des Gebäudes empor, hinein in das stickigen, dunkle Zimmer. Überquellende Aschenbecher überall, als gäbe es nicht längst effektivere Methoden, sich langsam, aber sicher zu töten. Geruch nach Mülleimer und feuchter Unterhose. Möbel, die Vormieter hier gelassen hatten. Bücherstapel. Der Kreidekreis am Boden, die schweren Kerzen, das Weihrauchbecken, die Kugel, das Schwert und der Rabe auf einer Stange, der mich krächzend kommen sah. Ich packte ihn gleich und riss ihm nach kurzem Ringen das Amulett ab. Er wurde sichtbar, wie er war, als Frau, alt, mit langem, gelblichem Haar, hageren Zügen, blassblauen Tätowierungen auf den Oberarmen, nackt, faltig, schlaff und weiß mit Adern, die schwarze Knoten unter der Haut bildeten. Sie starrte mich hasserfüllt an und trat nach mir. Ich dachte nicht daran, sie loszulassen.
"Du bist die Geisterprinzessin", stellte ich fest. "Du verlässt dich euf Amulette und Bücher, auf tierische Helfer und Rituale. Du heuerst Personen an, die Dinge erledigen. Daraus schließe ich, dass du sie nicht mehr selbst erledigen kannst. Der Silberschlüssel, den du suchst, ist sicherlich kein Glücksbringer, sondern ein Zahir, ein Schlüssel, der magische Tore öffnet und schließt. Was willst du in dem Palast, der einmal deiner war, so dringend verschließen? Was ist fort geschehen, dass dich deiner Kräfte beraubt und dich zur Flucht in diese Abgründe gezwungen hat, mit nichts als ein paar hastig zusammengerafften Artefakten, die ihr einen Rest Einfluss sichern?"
Es hätte der Sonnenbrillenapparatur gar nicht bedurft, um all dies zu vermuten. Geschichten wie diese waren beinahe an der Tagesordnung. Reingefallen auf irgendeine Spam-Mail eines Dschinnenprinzen mit magischer Erbschaft, auf das Pyramidenschema eines Dämons, auf die Blockchain eines Geistes, schon kam der Aufstieg mit Palast und Rausch und kosmischen Geheimnissen und Umgang mit allem Überirdischen, genau so plötzlich dann der Absturz, wenn Seele, Schuld, das Erstgeborene, die Zinsen oder die Bedienstetengehälter fällig wurden. Dann blieb nur noch Flucht in diese Abgründe, einige hastig zusammengeraffte Artefakte, die Taschenspielertricks und vielleicht einen Fuß in die Tür der Türme erlaubten.
Diese Geschichte hier war etwas anderes. Die Geisterprinzessin fauchte und kratzte und spuckte und heulte schließlich, als ich sie grober anfasste. Sie hatte etwas beschworen, das ihr die Kräfte geraubt hatte, aber einer der bekannten Dämonen war es nicht gewesen. Sie brabbelte von einem Schmetterlingswesen, hypnotische strudelnden Flügeln, die sie gebannt hätten, und stieß eine ekelhafte Schilderung hervor, wie das Ding ihr den Rüssel in den Kopf gebohrt und ihr schmatzend und schlürfend die astrale Kraft ausgelutscht hatte. Sie war geflohen und hatte auf den Basaren dieser tiefen Welt von einem anderen Unglücklichen im Tausch gegen Ormuz mochte wissen welche Gefälligkeiten wahrhaftig einen Zahir erworben, einen jener berüchtigten Silberschlüssel, die Tore in magische Reiche aufstoßen, aber auch versiegeln konnten. Sie selbst hatte sich nicht mehr getraut, den Weg in die Ruinen ihres Palastes wieder anzutreten, wo das saugende Ding noch immer sein Unwesen trieb. Notgedrungen vertraute sie den Zahir meiner Vorgängerin an, jener Person, die Dinge erledigte, und sie in diesem Fall nicht erledigt hatte, sondern wohl selbst erledigt worden war. Der Zahir und auch der Magiefresser waren anscheinend noch immer irgendwo in den Palastruinen.
Beide erregten meine Neugier und besorgten mich. Ein magiefressendes Unwesen konnte in den Händen von Piraten wie Terroristen, Regierungen wie magischen Zirkeln zu einer gefährlichen Waffe werden. Ein Zahir desgleichen. Was ging das mich an, als Person, die Dinge erledigte, stets im Auftrag? Meine Auftraggeber brachten mich stets nur auf die Spur von Geheimnissen und Dingen, die vertuscht worden waren. Ich bin, wie ich bereits sagte, kein gläubiger Mensch und nicht einmal ein Mensch. Aber die Dinge, die ich erledige, erledige ich im Auftrag eines höheren Prinzips, das keines Glaubens bedarf, weil es, anders als Gott und Widersacher, objektiv wahr ist. Ich fühle mich dem Prinzip der Ordnung verpflichtet. Glaube und Magie sind ein schwacher Abglanz davon. Immerhin lehren sie die Menschen, dass es wahr und falsch, schwarz und weiß, Licht und Finsternis gibt. Aber anders, als Glaube und Magie lehren, gibt es keine ewigen Wahrheiten außerhalb von Raum, Zeit und menschlicher Anschauung. Meine Ordnung gilt allein deshalb, weil ich sie mit Feuer und Schwert vertrete. Ich sage: so sei es und so ist es. Ich bin ein Engel der Ordnung. Ich bin, der ich bin, weil ich es so beschließe. Auf keinem Stein außerhalb meines Willens baue ich diese Ordnung. Und für dieses Prinzip der Selbstermächtigung aus dem reinen Willen kämpfe ich. Ich tötete die Geisterprinzessin mit meinen Händen und legte ein Feuer in ihrer Wohnung. Sie verbrannte mitsamt ihren armseligen Paraphernalia.
Auf dem Weg zum Meer kam mir schon die Feuerwehr entgegen. Eine selbstorganisierte Feuerwehr hatten die Menschen, aber keine Revolution gegen die Türme und keine strahlenden Einzelnen. Ich ließ dieses lammfromme Kollektiv hinter mir, breitete die Schwingen aus und flog über das Meer in Richtung der schwimmenden Insel aus Plastikstaub. Inmitten dieser Wüste von der Farbe von Lärmschutzwällen und Parkbänken stand, wie ich wusste, der Palast der Geisterprinzessin.
Bald schon tauchte er inmitten der warmen Winde auf, eine rosenfarbene, wüstenblaue, kreidegelbe Ruine aus Bögen, Durchbrüchen, Stürzen, Winkeln, Schatten und halsbrecherisch gazkelnden Schwalben, die durch Heulen, Pfeifen, Klappern und Bröckeln ihre Bahnen zogen. Auf dem einzig erhaltenen Turm ein Schatten massiv wie ein Loch. Eine geflügelte Löwin schlummerte dort, zwischen den Tatzen eine schlafende Kriegerin. Um beide war ein papiergelber Skorpionschwanz geschlungen.
Ich landete neben dem Paar, denn ein Paar war es. Keine Gefangene schläft so geborgen, keine Wächterin hält so sanft. Die beiden erwachten und bejahten, sie hätten den Schlüssel. Die menschliche Geliebte der Mantikora war in der Tat die Person, die mit vorausgeschickt worden war. Die Turmherrinnen servierten mir Nüsse, Zitronenwasser und kandierte Früchte. Zofe sei sie gewesen, berichtete die Löwenhäuptige gewaltig gähnend, und nie sei sie für etwas dankbarer gewesen als für die Verwandlung in ein Monstrum als Nebenffekt der misslungenen Beschwörung. Nur ein solches, ergänzte meine Berufsgenossin, könne sie lieben. Die beiden neigten innig die Schwingen gegeneinander und ich erfuhr einiges über die Anziehungskraft von Moschus, Fell, Sekreten und leichten Vergiftungen. Auch ich entfaltete die Flügel und kehrte sie in die Abendsonne. Die Ruine wurde vollends zu einem Gewirk aus Farbsplittern und sanften Täuschungen, in dem es kein oben und unten mehr gab und alle Räume sich durchdrangen. Mischwesen und Person umarmten sich und verschwammen in der Dämmerung. Keinesfalls würden sie mir den Schlüssel geben, erklärten sie. Tagsüber Flüge in kleinere Städte, vorsichtiges Landen außer Sichtweite, einkaufen oder tauschen gegen die Schätze aus der Ruine Nahrung, Süßigkeiten, Rauschmittel. Rückflug. Liebe, Musik, ihre zusammengesetzten Körper. Würde der Dämon, der unten in den eingestürzten Gängen herumflatterte, gebannt, würde all seine Zauberei in dieser Welt rückgängig gemacht. Die gesamte abgesaugte Kraft der Geisterprinzessin verdaue er fortwährend und scheide sie als wilde Magie wieder aus. Erscheinungen, Spektren, Apparationen und Hybride aller Art, Spiegelbilder aus vergangenen Zeiten, in den Ruinen wandelnde Himmelskörper, Möbel mit Zähnen, Leitungen voller Blitze und Schlangen, weiche, hellweiße Körper ohne Konturen, Geschmäcker und Gerüche in der warmen Luft. Der perfekte Zaubergarten für das Zauberpaar. Ich spürte Neid.
Sie luden mich ein, ein Teil von ihnen zu werden. Eine Tatze schlug spielerisch nach mir, eine Waffe fasste in die Trommel in ihrem Inneren, man wollte schon lieb mit mir kämpfen. Ich lehnte dankend ab und stieg in die Luft. Wie weit ich weg sein müsste mit dem Dämon, damit die Mantikora sie selbst bliebe? Weit fort, im anderen Tag, wo die Sonne um die Welt leckte. Ich dankte, stürzte den Schwalben nach und wirbelte in die Tiefen der Ruine.
Dort fand ich den Dämon. Ein gewaltiger Schnetterling mit hypnotisch schillernden Flügeln, der gierig mit dem Rüssel nach mir stieß. Wir verbeugen uns voreinander als vermuteten wir im Anderen einen Höhergestellten. Ich zog ihn mir nach und nach, in den Himmel, in die Nacht, in den Sternenglanz. Vor der Mondscheibe war er mein Ebenbild im Zerrspiegel. Flügel, ein Dasein, das von einem Gedanken beherrscht war, er Chaos, ich Ordnung. Ineinander verkeilt trudelten wir aus der Nacht in den Bereich der Welt, wo noch Tag war. Als wir ins Licht stürzten, ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass die Welt wieder so weit verzaubert und von Göttern zurückerobert sein möge, dass sie eine Scheibe war, und keine Kugel, denn wenn ich mein dämonisches Spiegelbild nun von mir stieße, dem Sonnenlicht entgegen, wo es verglühen sollte, würde mein Blick ihm nachgehen und nachgehen, und bei einer Erdkugel zwangsläufig irgendwann wieder bei mir anlangen, sodass ich mich selbst sähe, als Teil dieser Welt und Mitwirkender an ihrer Erledigung, nicht als Beobachter und Diener einer äußeren Ordnung. Ich wünschte beinahe, ein gläubiger Mensch zu sein.
Doch ein Wind wehte mit aller Kraft und schleuderte mich immer weiter fort, sodass sich die Gesamtheit der Welt höher und höher vor mir auftürmte und ich sah Licht und Schatten auf den Gipfeln und erschauderte. In diesem Moment der Unaufmerksamkeit drang der Rüssel meines Gegenübers unwahrscheinlich gedehnt über den Abgrund zwischen uns in meine Stirn und saugte und saugte und ich spürte erst jetzt, dass mir etwas geraubt werden konnte, das dieses Wesen ernährte. Das zuckende Glied stieß mir die Sonnenbrille vom Gesicht und goldenes und silbernes Licht füllte mir die Augenhöhlen und brannte sich den Weg bis ins Hirn und endlich sah ich alles, alles, wie es schon immer gewesen war. Gebe Ormuz, dass auch ihr mit jeder eurer Taten dem Licht näher kommt und euch von Angras Finsternis abwendet!
Ich allerdings wurde von Löwentatzen gepackt und dem Dämon entrissen. Er verwehte in der Schwärze zwischen den Sternen und mich brachten Mantikora und Reiterin zurück in den Palast, wo ich dies einem Gerät diktiere.
Bin ich errettet, wurde ich in den Abgrund zurückgezerrt? Blind höre, rieche und schmecke ich die Welt. Ich ahne eine Ordnung der Durchdringung und der Zeitlichkeit, während der Raum an Bedeutung verloren hat. Welchen Platz hat ein Engel der Ordnung in dieser Welt? Blind, lauschend, riechend, schmeckend, lasse ich mich von zufälligen Winden bewegen und folge dem Spiel von Licht und Schatten, dieser nichtendenwollenden Vorführung des Wunders.
Oft höre ich vielstimmiges Murmeln unter mir, Lachen und erstauntes Rufen. "Du gibst ihnen Hoffnung", schnurrt die Mantikora, und ihre Geliebte duftet nach Sonne, Wasser und nassem Fell. "Worauf?" "Auf ein Wunder, das sie selbst sein können."